Sourcing Basics
Die 6 teuersten Sourcing-Fehler in Asien – und wie du sie vermeidest
Die meisten teuren Fehler beim Sourcing in Asien passieren nicht aus Leichtsinn, sondern aus Nichtwissen: Man weiß am Anfang schlicht nicht, was man nicht weiß. Ich bin Volker Honsowitz, beschaffe seit über 40 Jahren Produkte in Asien – erst für den Lebensmitteleinzelhandel und die Industrie, heute mit eigener Sourcing-Agentur – und habe in dieser Zeit mehr Fehler gemacht und gesehen, als ich zugeben möchte. Genau darum geht es hier: Du sollst sie nicht wiederholen müssen. Das sind die sechs, die am meisten Geld kosten.
Fehler 1: Beschaffen ohne Marktforschung
Der perfekte Produzent mit sensationellen Preisen nützt nichts, wenn das Produkt niemand braucht. Das klingt banal – und ist trotzdem der häufigste Anfängerfehler. Wir hatten selbst einmal eine Idee für ein Küchengerät, das so innovativ war, dass es buchstäblich niemand anders am Markt hatte. Warum? Weil es niemand brauchte. Die „geniale" Idee stammte aus einem Brainstorming mit drei Kaffee zu viel und null Marktforschung. Das Ergebnis: ein Lager voller Staubfänger.
Versteh die Bedürfnisse deiner Zielgruppe, bevor du auch nur einen Euro in Produktmuster investierst.
Prüfe ehrlich: Wer kauft dieses Produkt heute schon – und bei wem? Wenn du diese Frage nicht beantworten kannst, ist es zu früh für die Lieferantensuche.
Fehler 2: Kulturelle Unterschiede unterschätzen
Geschäfte in Asien folgen anderen Regeln, als viele erwarten. Bei meiner ersten Verhandlungsreise nach China Mitte der 80er-Jahre war ich stolz auf meine auswendig gelernten chinesischen Phrasen – und lernte schnell, dass Verhandlungen dort mehr mit Respekt, Geduld und dem Lesen subtiler Signale zu tun haben als damit, wer am lautesten spricht. Ein Lächeln und ein Nicken bedeuten nicht immer Zustimmung; manchmal ist es Höflichkeit, während dein Gegenüber überlegt, wie er dir schonend absagen kann.
Was sich bewährt hat: Beziehungen vor Abschlüssen. Nimm dir Zeit, zeig echtes Interesse an Kultur und Unternehmen, lern ein paar Worte der Landessprache. Ein schneller Deal ist in Asien selten ein guter Deal – wer erst Vertrauen aufbaut, bekommt bessere Preise, bessere Qualität und einen Partner, der auch bei Problemen zu einem steht.
Fehler 3: Kosten und Zeitpläne schönrechnen
Kosten steigen selten „überraschend" – meist wurde nur etwas vergessen: Zollgebühren, Prüfkosten, Wechselkursschwankungen, schwankende Frachtraten. Oder Feiertage. Ein Kunde von uns hatte den Import eines Küchengeräts bis ins Detail geplant – nur fiel die Lieferung genau ins chinesische Neujahr. Zwei Wochen passierte: nichts. Der Zeitplan war ruiniert, und seine Kunden warteten auf Ware, die irgendwo im Südchinesischen Meer lag.
So kalkulierst du belastbar:
- Alle Nebenkosten erfassen: Fracht, Zoll, Einfuhrumsatzsteuer, Qualitätskontrolle, Zertifizierungen, Lagerung – nicht nur den Stückpreis.
- Puffer einplanen: zeitlich (Feiertage, Verzögerungen in Produktion und Transport) und finanziell (Frachtraten können sich binnen Monaten vervielfachen).
- In Gesamtkosten denken: Entscheidend ist, was das Produkt dich insgesamt kostet, bis es verkaufsfertig im Lager liegt – der niedrigste Angebotspreis ist oft nicht das günstigste Angebot. Was hinter „Total Cost of Ownership" steckt, erklärt das Sourcing-1x1.
Fehler 4: An der Qualitätskontrolle sparen
Nichts reißt ein Produktgeschäft schneller in den Abgrund als schlechte Bewertungen wegen mangelhafter Qualität – das Internet vergisst nicht. Anfang der 2000er importierten wir ein in unseren Augen „revolutionäres" Produkt. Die Muster sahen fantastisch aus. Die Serienlieferung nicht: ein Container voller Produkte, die aussahen wie missglückte Klone ihrer selbst. Das war ein Albtraum an Kundenbeschwerden – und ein Crashkurs im Geldverbrennen.
Ein Muster beweist, was der Hersteller kann. Die Kontrolle vor Verladung beweist, was er geliefert hat. Verwechsle das eine nie mit dem anderen.
Lass jede Erstproduktion vor der Verladung von einer unabhängigen Stelle prüfen – im Zweifel von jemandem, der weiß, wo Hersteller typischerweise sparen. Die wenigen hundert Euro für eine externe Kontrolle sind die beste Versicherung, die es im Sourcing gibt.
Fehler 5: Rechtliche Anforderungen ignorieren
Erinnerst du dich an das „revolutionäre" Produkt aus dem letzten Abschnitt? Es entsprach zu allem Überfluss nicht den europäischen Sicherheitsstandards – „nicht ganz" wäre eine Untertreibung. Wir mussten eine komplette Lieferung zurückrufen und die Kosten selbst tragen. Wir waren euphorisch, wollten schnell liefern und hatten ausnahmsweise auf die externe Prüfung verzichtet. Diese Lektion war teuer.
Heute sind die Anforderungen strenger als damals: Seit Ende 2024 gilt in der EU die Produktsicherheitsverordnung (GPSR) mit erweiterten Pflichten für fast alle Verbraucherprodukte – verantwortliche Person in der EU, Rückverfolgbarkeit, Risikobewertung. Dazu kommen je nach Produkt CE-Kennzeichnung, Kennzeichnungs- und Verpackungsvorschriften. Kläre vor der Produktionsfreigabe, welche Normen und Nachweise dein Produkt braucht – nicht, wenn der Container im Hafen steht. Falls du unsicher bist: Eine Stunde mit einem Fachanwalt oder einer erfahrenen Sourcing-Begleitung kostet wenig im Vergleich zu einem Rückruf.
Fehler 6: Lieferanten als austauschbar behandeln
Beim Sourcing ist Vertrauen die härteste Währung. Du willst Lieferanten, die mit dir durch schwierige Phasen gehen – nicht solche, die bei der ersten Gelegenheit Preise erhöhen oder an der Qualität sparen, sobald du nicht hinschaust. Wir hatten über Jahre eine Beziehung zu einem Lieferanten aufgebaut, als die Rohstoffpreise plötzlich explodierten. Unsere Wettbewerber bekamen die Erhöhungen sofort weitergereicht. Unser Lieferant hielt an den Konditionen fest, bis wir gemeinsam eine Lösung fanden, die für beide Seiten trug. So etwas ist unbezahlbar – und es entsteht nur, wenn du selbst in die Beziehung investierst: mit Zeit, Respekt und fairen Konditionen auch in deine Richtung.
Das Wichtigste in Kürze
- Erst Marktvalidierung, dann Lieferantensuche.
- Beziehungen aufbauen, bevor du verhandelst – Geduld zahlt sich in Asien doppelt aus.
- Gesamtkosten und Puffer kalkulieren, nicht Stückpreise vergleichen.
- Keine Verladung ohne unabhängige Qualitätskontrolle.
- Compliance (GPSR, CE, Kennzeichnung) vor der Produktionsfreigabe klären.
- Lieferanten als Partner behandeln, nicht als austauschbare Preisquelle.
Fehler wirst du trotzdem machen – jeder macht sie. Aber es müssen nicht die teuren sein. Wie du von Anfang an die richtigen Lieferanten auswählst, zeige ich dir am Beispiel Alibaba: Was beachten? Meine 5 goldenen Regeln.
Geschrieben von Volker Honsowitz für den Blog der Sourcing-Agentur Honsowitz – seit 1984 in China, Asien und Europa. Zurück zur Blog-Übersicht.
Für das erste eigene Produkt
Du bringst dein erstes eigenes Produkt an den Start?
Wir übernehmen die komplette Beschaffung bis ins Lager – und warnen dich, bevor ein Fehler teuer wird.