Sourcing Today
Ethisches Sourcing: Warum verantwortungsvolle Beschaffung Kunden bindet
Ethik im Sourcing klingt nach einem Kapitel für den Jahresbericht – tatsächlich ist sie ein handfester Wirtschaftsfaktor: für die Bindung deiner Kunden, für die Nachweise, die deine Geschäftspartner zunehmend verlangen, und für die Verlässlichkeit deiner Lieferkette selbst. Ich bin Volker Honsowitz, seit über 40 Jahren in der Produktbeschaffung – von Non-Food-Artikeln für große Einzelhandelsketten bis zur eigenen Sourcing-Agentur. Was ich in dieser Zeit über verantwortungsvolle Beschaffung gelernt habe, steht hier – einschließlich der unbequemen Teile.
Was ethisches Sourcing bedeutet
Im Kern geht es darum, Geschäfte zu machen, ohne Menschen oder Umwelt dafür bezahlen zu lassen: Transparenz darüber, wo und wie produziert wird. Fairness gegenüber allen in der Lieferkette. Nachhaltigkeit bei Materialien und Verfahren. Verantwortung über den eigenen Werkszaun hinaus. Das ist kein Selbstzweck: Deine Kunden achten darauf – und du schläfst besser, wenn du weißt, unter welchen Bedingungen deine Produkte entstehen.
Transparenz: die Grundlage von allem
Transparenz in der Lieferkette heißt: Du weißt, wer deine Produkte fertigt, woher die Materialien kommen und unter welchen Bedingungen gearbeitet wird. Das schafft Vertrauen bei Kunden und Partnern – und es ist die Voraussetzung für jede weitere Verbesserung. Was man nicht sieht, kann man nicht steuern.
Faire Arbeitsbedingungen: der Augenöffner
Früher dachte ich, ein gutes Geschäft sei eines, bei dem ich den Lieferanten bis auf den letzten Cent heruntergehandelt habe. Bis ich eine der Fabriken besuchte und sah, unter welchen Bedingungen dort gearbeitet wurde. Das war ein Augenöffner. Seitdem gehört für mich zur Lieferantenauswahl, dass die Menschen, die die Produkte fertigen, anständig bezahlt werden und unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten. Das hat Zeit und Mühe gekostet – aber es hat sich in jeder Hinsicht ausgezahlt: in der Qualität, in der Verlässlichkeit und in Partnerschaften, die Krisen überstehen.
Fairness ist keine Wohltätigkeit. Ein Hersteller, der seine Leute gut behandelt, hält seine Facharbeiter – und wer seine Facharbeiter hält, liefert konstante Qualität.
Nachhaltigkeit: mehr als ein Etikett
„Nachhaltig" wird inzwischen so inflationär verwendet wie „Sale" im Outlet – umso wichtiger ist es, den Begriff mit Substanz zu füllen: umweltverträgliche Materialien, energieeffiziente Fertigung, langlebige Produkte statt geplanter Wegwerfware.
Dass das kein Selbstläufer ist, haben wir selbst erlebt: Mit einem Kunden entwickelten wir eine Produktlinie, die so umweltfreundlich sein sollte, dass Mutter Natur applaudiert hätte. Das Problem: Die vermeintlich „grünen" Materialien waren weder haltbar noch wirklich umweltfreundlich. Es brauchte etliche Versuche und einige Fehltritte, bis Materialien gefunden waren, die ökologisch und qualitativ überzeugten. Der lange Atem hat sich gelohnt – am Ende stand ein Produkt, das den Namen verdient. Die Lektion: Nachhaltigkeit ist Ingenieursarbeit, keine Marketingentscheidung.
Der neue Rahmen: Lieferkettennachweise werden Standard
Was 2024, als dieser Artikel zuerst erschien, noch freiwillige Kür war, ist heute zunehmend Pflicht: Lieferkettengesetzgebung auf deutscher und europäischer Ebene verpflichtet große Unternehmen zu Sorgfaltspflichten – und die reichen ihre Nachweisanforderungen vertraglich an ihre Lieferanten weiter. Die Details der Regulierung sind seit Jahren in Bewegung; die Richtung ist eindeutig. Wenn deine B2B-Kunden Auditnachweise, Konformitätsdokumente und Materialzertifikate bis in die Vorlieferkette verlangen, entscheidet deine Lieferkettentransparenz darüber, ob du in Stunden antwortest oder in Wochen – und ob du auf der Lieferantenliste bleibst.
Wer heute Transparenz in seiner Lieferkette aufbaut, tut das einmal und aus eigenem Antrieb – wer wartet, tut es später unter Zeitdruck und auf Verlangen seines größten Kunden.
Verantwortung, die über Compliance hinausgeht
Ein Beispiel, das mir geblieben ist: Bei einem Spielzeugprojekt für einen großen Onlinehändler erfuhren wir, dass die Fabrik eine Schule für die Kinder ihrer Beschäftigten finanzierte. Wir entschieden, einen Teil der Erlöse direkt in dieses Schulprojekt zu investieren. Die Kunden liebten die Geschichte hinter ihren Produkten – und ein Beitrag zur Bildung vor Ort wurde konkret messbar. Solche Partnerschaften entstehen nicht aus Checklisten, sondern daraus, dass man seine Hersteller wirklich kennt.
Die unbequeme Wahrheit: Zielkonflikte gibt es trotzdem
Ich würde lügen, wenn ich behauptete, beim Sourcing immer die ethisch beste Entscheidung zu treffen. Am Ende muss auch der Preis in der Gesamtkalkulation stimmen – das ist die Realität jedes Einkaufs. Es wird Situationen geben, in denen ein attraktiver Abschluss und die eigenen Grundsätze kollidieren, und die ethische Wahl ist selten die bequemste.
Mein Umgang damit: Bei der Auswahl der Produzenten ist ein Mindestmaß an Transparenz nicht verhandelbar – wer nicht zeigen will, wie er fertigt, fliegt raus. Innerhalb dieses Rahmens gibt es Kompromisse, und es wäre unehrlich, das zu verschweigen. Entscheidend ist, das Gleichgewicht zu halten und die eigenen Prinzipien so weit wie irgend möglich zu verteidigen – nicht die Illusion, es gäbe keine Zielkonflikte.
Was ethische Beschaffung geschäftlich zurückgibt
Einer unserer Kunden begann, seine belegbaren Bemühungen um faire Produktion stärker zu kommunizieren – nicht als Behauptung, sondern mit den Fakten dahinter. Das Ergebnis war eine messbar höhere Kundenbindung. Menschen unterstützen Marken, die nicht nur reden, sondern handeln; in einem Markt voller austauschbarer Produkte ist belegte Integrität ein Unterscheidungsmerkmal, das kein Wettbewerber kopieren kann, ohne sie selbst zu leben.
Mein Fazit
Ethisches Sourcing kostet kurzfristig manchmal einen Deal oder ein paar Prozentpunkte Marge. Langfristig baut es genau das auf, wovon jedes Geschäft lebt: verlässliche Lieferanten, belastbare Nachweise, Kunden, die bleiben. Nach vier Jahrzehnten in der Beschaffung bin ich überzeugt: Business und Ethik sind keine Gegensätze – sie sind auf Dauer dasselbe Interesse.
Wie du Verantwortung konkret in deine Beschaffungsstrategie einbaust, zeigt der Artikel Fünf Sourcing-Strategien aus 42 Jahren Praxis – und worauf du bei der Wahl eines Beschaffungspartners achten solltest, steht hier.
Geschrieben von Volker Honsowitz für den Blog der Sourcing-Agentur Honsowitz – seit 1984 in China, Asien und Europa. Zurück zur Blog-Übersicht.
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