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Sourcing Basics

Produkt-Sourcing 2026: Was heute zählt – ein Leitfaden aus 42 Jahren Praxis

Volker Honsowitz 5 Min. Lesezeit

Illustration: Onlinehändler startet mit einer Rakete durch

Effektives Produkt-Sourcing kann dein Geschäft auf die nächste Ebene bringen – und schlechtes Sourcing kann es ruinieren. Ich bin Volker Honsowitz und bin seit den 80er-Jahren im Sourcing in Südostasien unterwegs; einiges von dem, was ich seitdem gelernt habe, teile ich in diesem Leitfaden. Er erschien zuerst 2024 und ist für 2026 rundum aktualisiert – die Grundprinzipien haben sich nicht geändert, das Umfeld schon.

Ein kleiner Blick zurück – und warum er heute relevant ist

Wenn du etwas 40 Jahre machst, könntest du ein Buch darüber schreiben. Die Kurzfassung: Schon 1981, frisch aus meiner Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann, war ich als „Stift" mit chinesischen Handelsdelegationen in Deutschland unterwegs. Damals war das Internet nicht mal eine wilde Idee – es gab Landkarten, Telex und öffentliche Telefone. Wer wie ich 1986 zum ersten Mal nach Südostasien reiste, war drei, vier Wochen praktisch von der Welt abgeschnitten und kommunizierte zu furchterregenden Preisen per Telex. In Shenzhen lebten damals gerade einmal 64.000 Menschen von Ackerbau und Viehzucht – heute ist es eine Metropole mit Weltmarktführern in der Elektronik.

Eine meiner ersten großen Lektionen: die Bedeutung persönlicher Beziehungen. Es reicht nicht, den richtigen Lieferanten zu finden – entscheidend ist eine Beziehung, die auf Vertrauen basiert. Diese Lektion hat sich in vier Jahrzehnten nicht geändert, und keine Technologie hat sie überflüssig gemacht.

Die Grundlagen: Welches Sourcing-Modell passt zu dir?

Direktes Sourcing, Großhandel, Dropshipping, mit oder ohne Sourcing-Agentur – die Optionen können überwältigend sein. Welches Modell passt, hängt von deinem Geschäft ab, und ich kenne die Unterschiede aus eigener Erfahrung: Nach Ausbildung und Wehrpflicht startete ich als Handelsvertreter auf Provisionsbasis und lernte, dass Handel kein Zuckerschlecken ist. Mein Ziel war immer der eigene Import – und im Herbst 1984 nahm ich meinen ersten Container mit Einweggrills aus Taiwan in Empfang. Ohne deutsche Verpackung, ohne EAN, ohne LFGB-Zertifikate. Fracht organisieren, Verzollung auf dem lokalen Zollamt, Container ausladen, Lagerung, Vertrieb, Versand – alles selbst, alles von Hand. Volle Kontrolle, volle Verantwortung. Deshalb kenne ich die Schmerzen des direkten Sourcings aus dem Effeff – und weiß, wann sie sich lohnen und wann nicht. Wenn du vor dieser Entscheidung stehst: Hier ist meine ehrliche Entscheidungshilfe.

Trends und Nischen erkennen

Einer der Schlüssel im Onlinehandel ist, Trends zu erkennen, bevor sie jeder auf dem Schirm hat. Das ist weniger Datenwissenschaft, als viele glauben: Ich stieß einmal auf eine aufstrebende Nische, weil ein lokaler Lieferant beim Abendessen von einer „neuen Idee" erzählte. Sechs Monate später war diese Idee überall. Das Geheimnis: zuhören, beobachten, bereit sein, schnell zu handeln. Heute liefern dir Marktplatz-Daten und KI-Tools Signale in Echtzeit – aber den Vorsprung bringt nach wie vor das Gespräch mit den Menschen, die die Produkte herstellen. Sie wissen vor allen anderen, was gerade angefragt wird.

Qualitätssicherung und Compliance

Dein Produkt ist dein Ruf. Ich habe – leider mehr als einmal – ganze Lieferungen überarbeiten lassen müssen, weil die Qualität nicht dem Standard entsprach. Noch schlimmer ist der Fall, in dem du bezahlte Ware wegen schlechter Qualität verramschen oder entsorgen musst. Deshalb mein ständiger Rat: Gib vor jeder Verladung eine externe Qualitätskontrolle beim Produzenten in Auftrag. Immer.

Und bei der Compliance hat sich seit der Erstfassung dieses Artikels am meisten getan: Mit der EU-Produktsicherheitsverordnung (GPSR) gelten seit Ende 2024 verschärfte Pflichten für fast alle Verbraucherprodukte – verantwortliche Person in der EU, Rückverfolgbarkeit, Risikobewertung, Kennzeichnung. Marktplätze setzen das rigoros durch: Ohne saubere Unterlagen fliegt dein Listing. Kläre die Anforderungen deiner Produktkategorie, bevor du die Produktion freigibst – die wichtigsten Begriffe dazu erklärt das kleine Sourcing-1x1.

Logistik und Lieferkette

Du kannst das beste Produkt der Welt haben – wenn du es nicht zuverlässig zu deinen Kunden bekommst, hast du ein Problem. Ich erinnere mich an unsere erste große logistische Hürde: ein Container aus Vietnam, der irgendwo im Nirgendwo stecken blieb. Die Lektion: immer einen Plan B haben und das Tracking beherrschen.

Die letzten Jahre haben jedem Importeur beigebracht, wie volatil Logistik sein kann: Frachtraten, die sich binnen Monaten vervielfachen, Routenverlagerungen, Kapazitätsengpässe. Was hilft:

  • Logistikpartner nach Verlässlichkeit und Transparenz auswählen, nicht nur nach Preis.
  • Puffer einplanen – zeitlich und finanziell. Das chinesische Neujahr legt Fabriken jedes Jahr wochenlang still, und es überrascht trotzdem jedes Jahr jemanden.
  • Abhängigkeiten reduzieren: Eine Second Source – auch in Europa als Nearshoring-Option – ist die beste Versicherung gegen Lieferkettenkrisen.

Nachhaltigkeit und ethische Beschaffung

Das Bewusstsein für Umwelt und soziale Verantwortung wächst weiter – bei Kunden wie im Recht. Ich habe in den letzten Jahren bewusst auf nachhaltigere und ethisch verantwortungsvollere Sourcing-Praktiken umgestellt. Das war keine einfache Aufgabe: sorgfältigere Lieferantenauswahl, manchmal höhere Preise, viel Prüfaufwand. Aber die Rechnung geht auf – Kunden honorieren belegbare Verantwortung, und die kommenden Nachweispflichten in den Lieferketten treffen dich nicht unvorbereitet. Fang klein an, etwa mit recycelbaren Verpackungen, und arbeite dich hoch. Warum sich das auch wirtschaftlich rechnet, liest du hier.

Anpassung an die Zukunft

Was heute funktioniert, kann morgen veraltet sein. Ich habe einmal den Fehler gemacht, zu lange an einer Methode festzuhalten, weil sie „immer funktioniert hat" – und als ich endlich umstellte, öffneten sich Möglichkeiten, von denen ich nichts wusste. Das prophezeite „KI-gesteuerte Sourcing" aus der Erstfassung dieses Artikels ist übrigens längst Realität: Marktanalysen, Bedarfsprognosen und Lieferantenrecherche laufen heute KI-gestützt. Was die Werkzeuge nicht ersetzen: das Urteilsvermögen, welche Fabrik dein Produkt wirklich bauen kann – und die Beziehung, die dafür sorgt, dass sie es für dich tut.

Die Wahl der richtigen Sourcing-Agentur

Wenn du Experten an Bord holst, kann das deinen Einkauf auf ein neues Niveau heben – die Auswahl des Partners ist aber selbst eine Entscheidung mit Fallhöhe. Ein Tipp aus schmerzhafter Erfahrung: Schau über die Zahlen hinaus. 1997, als wir noch selbst viele Produkte für den Lebensmitteleinzelhandel importierten, arbeiteten wir mit einer Agentur direkt vor Ort in China – weil sie die billigste Option war. Großer Fehler: Die Kommunikation war ein Albtraum, die „Ersparnisse" kosteten uns Geld und Nerven, und am Ende versuchte die Agentur sogar, uns als Importeur zu umgehen und direkt mit unserem Kunden ins Geschäft zu kommen. Der Kunde informierte uns, der Agent verlor das Geschäft – aber die Lektion sitzt bis heute: Vorsicht bei der Auswahl der Partner. Die sechs häufigsten Fehler bei der Agenturwahl habe ich hier zusammengefasst.

Fazit

Meine Reise durch die Welt des Sourcings war voller Höhen und Tiefen, und jede Erfahrung war eine Lektion wert. Von den Anfängen mit Telex und Zollamt bis zum heutigen E-Commerce-Fokus hat sich die Branche komplett verändert – die Erfolgsfaktoren erstaunlich wenig.

Effektives Sourcing ist mehr als das richtige Produkt zum richtigen Preis: Es geht darum, Beziehungen aufzubauen, Verantwortung zu übernehmen und immer einen Schritt vorauszudenken. Mit Hartnäckigkeit, Qualitätsfokus und der Bereitschaft, ständig dazuzulernen, führst du deine Marke zu neuen Höhen – 2026 genauso wie 1984.

Geschrieben von Volker Honsowitz für den Blog der Sourcing-Agentur Honsowitz – seit 1984 in China, Asien und Europa. Zurück zur Blog-Übersicht.

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